Wie weit fischertechnik vor 32 Jahren seiner Zeit voraus war.

Ein Zufallsfund eines fischertechnik-Fans setzte mich auf die Spur. Im Jahr 1983 brachte die Firma Economatics aus Sheffield in Großbritannien einen Roboter-Bausatz namens „BBC Buggy“ (Listenpreis: £164,35) auf den Markt. Der Roboter wurde von zwei Schrittmotoren angetrieben; die Steuerung erfolgte über ein Interface der Firma Economatics, das via Breitbandkabel am User-Port des BBC Micro angeschlossen wurde – das war einer der ersten Homecomputer (hergestellt von Acorn), der in britischen Schulen ab 1981 große Verbreitung fand.

BBC Buggy (Economatics, Sheffield/GB 1983)

BBC Buggy (Economatics, Sheffield/GB 1983)

Der BBC Buggy bestand – von der Elektronik abgesehen – fast vollständig aus fischertechnik-Teilen.

Bauteilliste des BBC Buggy (aus: Assembly and operating Manual, 1983)

Bauteilliste des BBC Buggy (Assembly and operating Manual, 1983)

Eine mechanische Ergänzung, die auch in fischertechnik-Kästen eine gute Figur gemacht hätte, versteckte sich in den Details: das „dritte Bein“ des Roboters, wesentlich effektiver als die Röllchenkonstruktionen aller späteren Robotics-Kästen:

Segmentscheibe mit Kugel

Segmentscheibe mit Kugel

Besonders beeindruckend: Die beiliegende Kassette mit den 13 BASIC-Programmen umfasste auch einen Line Follower (Spurfolger) – im Jahr 1983. 25 Jahre später, man schrieb das Jahr 2008, filmte pinter75 einen BBC Buggy mit der Linefollower-Originalsoftware – beeindruckend, was mit fischertechnik vor inzwischen 32 Jahren bereits möglich war:

Der BBC Buggy war auch der „Held“ der achten Folge der BBC-Serie „Making the most of the Micro“ – „Everything under control“, ausgestrahlt am 28.02.1983:

Gemäß der an Materialien zum BBC Buggy reichen Webseite von Neil Fazakerley verkaufte Economatics über 5.000 Exemplare allein in Großbritannien – ein echter Renner, der es 1983 auf die Titelseite der Zeitschrift Your Computer schaffte (BBC Buggy in Your Computer 4-1983). 1985 erhielt Economatics in den USA ein Patent auf die Konstruktion (US-Patent No. 4.548.584). Daran ist der (einzige?) Frevel von Economatics deutlich erkennbar: die Segmentscheibe (22) mit der ergänzten frei laufenden Kugel (21) in der Nabe wird mit dem Rahmen (wenigstens zwei BS30 mit Loch) verschraubt (23) …

Patentzeichnung zum BBC Buggy (US-Patent No. 4.548.584, 1985)

Patentzeichnung zum BBC Buggy (US-Patent No. 4.548.584, 1985)

Später bot Economatics noch ein „Grab Arm Kit“ (für £79) und ein „Pen Kit“ an; letzteres erweiterte den BBC Buggy mit einem per Elektromagnet absenkbaren Stift zum Zeichengerät.

BBC Buggy Grab Arm Kit (Economatics, 79 £)

BBC Buggy Grab Arm Kit (Economatics)

Leider löste der BBC Buggy keinen ft-Computing-Boom aus – der große Erfolg in England ließ sich offenbar nicht auf andere Länder übertragen. In dem 1987 im Elektor-Verlag erschienenen Büchlein „Robotik mit dem Homecomputer“ von J.P.M. Steemann – das, obwohl aus Titel und Untertitel nicht erkenntlich, eigentlich ein fischertechnik-Robotik-Büchlein ist – findet sich in Kapitel 8 auch der BBC Buggy (inklusive Bezugsadresse). Ein Verkaufsschlager wurde das Büchlein leider nicht. Auch fehlte der Buggy in den ersten fischertechnik-Computing-Kästen, die Mitte der 80er Jahre auf den (deutschen) Markt kamen. Sehr schade – die Geschichte der Robotik-Spielzeuge wäre vielleicht anders verlaufen.

Angeboten wurden Varianten des Buggy bis in die 2000er Jahre hinein: den ft PIC-Buggy gab es (mit einem Mikrocontroller PIC 16F84 von Microchip und Steuersoftware) seit den frühen 90er Jahren für rund 200 Pfund.

PIC ft-Buggy economatics

ft PIC-Buggy (aus einem economatics-Prospekt)

Erst kürzlich wurde ein Exemplar aus der fischertechnik-Sammlung von Roland Enzenhofer von Dirk Uffmann mit aktueller C-Software wiederbelebt:

In Großbritannien wurde der BBC Buggy sogar mit der Aufnahme ins britische National Museum of Computing in Bletchley Park geadelt.

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2 Kommentare

  1. ft-Fan

    … und ich dachte derBBC-Buggy wäre bei den ft-Liebhabern allgemein bekannt. Material zur Maschine gab es ja auch noch im Elektor-Buch „Robotik mit dem Homecomputer“. Und einige weitere ft-Roboter waren da auch noch drin.

    Grüße
    ft-Fan

    • fischertechniker

      Hallo ft-Fan,
      tatsächlich fiel das Erscheinen des BBC-Buggys in mein „fischertechnik Dark Age“… Inzwischen konnte ich das erwähnte Elektor-Buch von Steeman antiquarisch erwerben – und tatsächlich: 15 Seiten sind dem BBC-Buggy gewidmet (Danke für den Hinweis!). Darin wird auch der Barcode-Leser beschrieben, mit dem dem Buggy Kommandos übermittelt werden konnten.
      Beste Grüße, fischertechniker

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